Fasnacht - das ist für viele die Bezauberung durch Rollenspiel, Vermummung und Andersartigkeit. Für manchen ist es die schönste Zeit des Jahres. Fasnacht bedeutet ein Ausbrechen aus dem Alltag und aus der gewohnten Ordnung, das Aufheben von Schranken, sein wahres Gesicht zeigen und dabei dennoch in Anonymität verweilen. So läßt sich schlagwortartig die heutzutage gängige Betrachtung der Fasnacht umreißen. Doch bei tieferer Betrachtung kann man erfahren, daß die Fasnacht über den reinen "Spaßfaktor" hinausgeht und ein symbolbefrachtetes Brauchtumsfest darstellt.
Alte Beschwörungsformeln, wie "borschtig, borschtig, borschtig isch dia Sau" oder "hoorig, hoorig isch dia Katz, ond wenn dia Katz net hoorig isch, no isch es halt koi Katz" werden in Zusammensetzung mit Peitschenknallen, Trommeln, Pfeifen und den Schellen der "Hansele" und der "Narros" allerwärts vernommen. Mit dem "Schandele", einer geschnitzten Maske, befiedert und mit Menschenkopf, halb Mann, halb Frau, werden die „Eskapaden“ angeprangert, derer im Laufe des vergangenen Jahres gefrönt wurde. Dazu muß man wissen, daß mit dem Lästerwort "Schandele" ehemals von der Obrigkeit diejenigen benannt wurden, die den Vorstellungen der jeweiligen Regierung nicht entsprochen hatten. Einer der Höhepunkte der niederalemannischen Fasnacht ist der Narrensprung in Rottweil. Tausende mit Schellen behängter Narren hüpfen im Takt auf und ab, und der lautere Klang der Schellen beschwingt die ganze mittelalterliche Stadt. Den Winter austreiben und den Frühling ins Land zu rufen ist die Angelegenheit der "Gschellnarren", der "Hexen", der "Teufel", des "Federehannes", vom "Hansele" und all der anderen wilden Gesellen. All das weist auf den Ursprung der Fasnet in altgermanischen Frühlingsfesten hin. Manch Fasnetforscher meint neuerdings dagegen, daß die Fasnacht nicht „wie irrtümlich gemeint“ aus vorchristlicher Zeit stamme, sondern ihren Ausgangspunkt „voll und ganz“ (!) im christlichen Jahreslauf habe, wo sie von Anfang an das Schwellenfest vor dem Anbruch der vierzigtägigen Fastenzeit vor Ostern bildete, die mit dem Aschermittwoch beginnt. So läßt der Fasnachtsforscher Werner Mezger verlautbaren, „daß es jeder Grundlage entbehrt, den Festkomplex Fasnacht, Fasching oder Karneval als 'uralten', vorchristlichen Winteraustreibung- und Fruchtbarkeitskult zu erklären". Es liegt eigentlich auf der Hand, daß solcherlei Urteile nichts anderes als Befangenheit und Einseitigkeit darstellen. Oder hat die Kirche plötzlich ohne jede Notwendigkeit im 14. oder 15. Jahrhundert ihren sich durchs irdische Jammertal schleppenden Schäflein zur Belustigung die Fastnacht mit den verschiedensten Masken und Bräuchen herbei gezaubert? Nicht umsonst wurde die Fasnet von der Kirche nicht selten mit der „civitas diaboli“, dem Teufelsstaat, die Fastenzeit dagegen mit der „civitas dei“, dem Gottesstaat identifiziert. Heinz Hug, Ehren-Zunftmeister der Konstanzer Blätzlebuebe meint: „Es trifft zu, daß die Kirche mit Einführung des Aschermittwoch im Jahresablauf einen Grenzzaun errichtet hat. Die aus vorchristlicher Zeit stammenden, über das ganze Jahr verteilten Mummereien, rituellen Maskentänze, Dämonen- und Naturbeschwörungen wurden von der jungen Kirche gebündelt und zeitlich begrenzt. So wie die alten Opferplätze mit Wallfahrtskapellen überbaut, heilige Bäume gefällt und Hünengräber eingeebnet wurden, so bekamen die Masken neue Formen und Inhalte. Der "gottferne Narr" wurde geschaffen als pädagogisches Anschauungsobjekt. Wie der um viele Jahrhunderte jüngere "Struwwelpeter" sollte der "Narr" den gottesfürchtigen Christenmenschen vor Augen führen, wohin ihr Weg unweigerlich führt, wenn sie seinem schlechten Beispiel folgen." So ist zu schlußfolgern: Wie ein Großteil der heutigen Feste, ist auch die Fasnet vorchristlichen Ursprungs und hat nichtsdestotrotz über die Jahrhunderte nach der Christianisierung hinweg auch einiges an christlicher Symbolik aufgenommen. So stützen sich zum Beispiel die "Blätzles- oder Fleckenkleider", bei denen Stoffstücke auf ein Leinen- oder Baumwoll-Untergewand genäht werden, auf christlichen Traditionen. Weiterhin sind auch die Namen Fasnacht bzw. Fasnet nicht aus vorchristlicher Zeit, sondern stammen aus dem Althochdeutschen "Fasta" (Fastenzeit) und "Naht" (Nacht, Vorabend) und bezeichneten ursprünglich nur den Tag vor Beginn der Fastenzeit. Oder ist das Fasenachtstreiben doch die heidnsiche Vertreibung der Winterdämonen und Eisriesen? Das Gemüt der Menschen ist aufgeputscht und angeheizt in Erwartung der wärmeren Jahreszeit. Fasen oder fosen heißt zeugen Letztlich lässt sich mit Gewißheit nur sagen, daß die historischen Bezüge, ob vorchristlich oder christlich, heute leider kaum noch von Bedeutung sind. Weder die Darstellung von Winteraustreibungs-Riten noch die Darbietung eines mittelalterlichen Teufelsspiels hält die Fasnacht in der heutigen Zeit am Leben. Vielmehr liegen die stärksten Antriebskräfte für die Fasnacht in der menschlichen Natur begründet, wie eingangs dieser Erörterung kurz angeschnitten wurde.
weiterführend:
Mezger, „Das große Buch der schwäbisch-alemannischen Fasnet“, Stuttgart 1999.
Zemon-Davis: Humanismus, Narrenherrschaft und Riten der Gewalt. Fischer, Frankfürt 1987.
http://www.historisches-wuerttemberg.de/kultur/fasnet/fasnet.html
Wie die Fasnacht derzeit in Baden-Württemberg gefeiert wird. Hintergrundinformationen zur Fasnacht, Bildergalerien, Termine und Narrenbörse. Ein Beispiel: http://www.fasnet.de
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