Unter den Schwarzwaldhäuptern macht der Kniebis, dem nicht die vollen Tausend Meter Höhe gegönnt sind, am wenigsten von sich reden. Gelegentlich wurde sogar behauptet, er sei gar kein richtiger Berg. Doch das ist er. Und es läßt sich gegen eine Darstellung als „Stätte der Stille mitten unter den weiten Wäldern“, die ihm Dr. Albert Hiß angedeihen ließ, kaum etwas einwenden. Im Übrigen mangelt es dem Kniebis keineswegs an eindrucksvollen Zügen. Vor allem gefällt er sich in einer bedachtsamen Behäbigkeit. Daß der Kniebis in der Gegend, über der er sich aufwölbt, als geschätzter Patron gilt, macht der Umstand deutlich, daß die Kurorte deren Quellen und Mineralbrunnen in seiner Welt beheimatet sind, oftmals als “Kniebisbäder“ bezeichnet werden. So zum Beispiel in Bad Ripoldsau, das Rainer Maria Rilke liebte, Griesbach oder Bad Peterstal. Eine andere Ortschaft am Fuße des Berges, das nach ihm benannte Kniebis, heute zu Freudenstadt gehörig, hat eine geschichtliche Besonderheit aufzuweisen: Bis zum Zusammenschluss von Baden und Württemberg im Jahre 1952 verlief die Dorfgrenze mitten durch das Dorf. Aufgrund dessen wird auch noch heutzutage noch vom badischen und vom württembergischen Kniebis gesprochen. Über den Kniebis führt die Schwarzwaldhochstraße, welche über sechzig Kilometer von Freudenstadt nach Baden-Baden führt. Die als „schönste Touristenstraße des Schwarzwaldes“ titulierte Straße ist auch bis heute, nach über 60 Jahren ihres Bestehens, anziehend und interessant geblieben. Auf dem Kniebis an der Schwarzwaldhochstraße lag das „Führerhauptquartier Tannenberg“. Dieses wurde im Zuge der Vorbereitungen des Westfeldzuges erbaut und wurde am 1. Juli 1940 fertig gestellt. Es bestand aus zwei Bunkern mit 275 Quadratmetern Nutzfläche und einer Baracke. Damit war auf dem Kniebis eines der 20 Führerhauptquartiere beheimatet, die zwischen 1939 und 1945 entstanden waren. Hitler hielt sich im Sommer 1940 in Tannenberg auf und unternahm von hier Ausflüge ins benachbarte Elsaß. Nach seiner Abreise standen die Bunker weitgehend leer und wurden ´45 von den Alliierten gesprengt.
Am 26.12.1999 fegte über Süddeutschland der Orkan „Lothar“ und hinterließ allein in den Wäldern Baden-Württembergs rund 40.000 Hektar Kahlfläche. Auch der Waldbestand des Kniebis hatte heftig unter „Lothar“ zu leiden. Während den dortigen Aufräumarbeiten entstand die Idee, dem Ökosystem Wald die Möglichkeit zu geben, sich ohne menschlichen Einfluss entwickeln zu können. So wird seitdem jegliche forstwirtschaftliche Nutzung oder Veränderung unterbunden. Zudem hat man mittlerweile das Gebiet, übersäht mit umgestürzten Bäumen und aufgeklappten Wurzeltellern, für die Öffentlichkeit erschlossen. Auf der Hälfte der insgesamt 10 Hektar großen, nicht aufgearbeiteten Sturmwurffläche, verläuft der rund 800 Meter lange Lehr- und Erlebnispfad. Man spricht dabei gerne von einem „Sturmwurf-Erlebnispfad“. Besucher können beim Rundgang über Stege, Leitern und Treppen erfahren, wie Naturkräfte wirken, wie die Natur Extremereignisse überwindet und die Sturmfläche die Genese zurück zum Wald antritt. Zumindest in Baden-Württemberg ist solch ein Naturerlebnispfad einmalig. Der „Lotharpfad“, wie er auch genannt wird, stellt somit auch ein Beispiel für die Umorientierung innerhalb der Umweltbildung dar. „Hier kann man die Natur mit allen Sinnen erleben“, erklärte Forstminister Willi Stächele.
Mit dem Wald auf dem Kniebis hat es allerdings noch eine weitere Bewandtnis. Sagen aus dem späten Mittelalter berichten über hungernde Familien, die zu Harzdieben wurden, und Hexen, die den Wald vor Harzdieben schützen wollten. So gibt es heute noch den Brauch, daß Kniebiser Frauen zur Fasnetzeit als Hexen verkleidetet durch die ortsansässigen Wirtshäuser ziehen, um dort ihr Unwesen zu treiben.
weiterführend: Schwarzwalddorf Kniebis bei Freudenstadt: http://www.kniebis.de/
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