Im Jahre 1688 war's, als zwei Pforzheimer, Lupold Aichele und Jörg Siegwart, nächtens auf der Stadtmauer Wache standen. Dabei war ihnen heute nicht wohl zumute, munkelte man doch in der Stadt von dem bevorstehenden Einmarsch der Franzosen in die Pfalz, auf die König Ludwig XIV. Anspruch erhob. Unruhe hatte sich der Bürger bemächtigt. Einer hatte gestern abend eine Katze mit feurigen Augen auf dem Marktbrunnen sitzen sehen. Ein Komet mit schimmerndem Schweif war über die Stadt gezogen, und sogar der »nackte Mann«, der Vorbote für Krieg, Pest und Hungersnot, hatte sich in den Wassern der Enz sehen lassen. Das alles war für die beiden auf Wache stehenden Stadtknechte Grund genug, sich zu gruseln. Tagsüber war das Herbstwetter noch freundlich gewesen. Jetzt aber jagten düstere Wolkenschatten über den Mond. Unheimlich rauschte die Enz und der Sturm orgelte in den alten Linden auf dem Schießhausplatz. Kaum wußten die verängstigten Wächter sich auf der Mauer vor den wuchtigen Stößen des Windes zu schützen. Am unheimlichsten schien es den beiden am Steinbrückentor bei der Au-erbrücke, wo die »Galgenvögel« in den »Kaffitten« schmachteten. Da war es noch besser bei der Nonnemühle am weißen Turm, der manchmal gespenstisch im flutenden Mondlicht aufleuchtete.»Eine böse Nacht heute«, flüsterte einer der Wächter, »wäre mir lieber, unsere Wache hätt' ein Ende. Dort hinten muß ein furchtbares Unwetter niedergehen.« Dabei zeigte er auf eine schwarze Wolkenwand, aus der unaufhörlich bläuliche Blitze zuckten und die Nacht zerrissen. »Morgen wird das Hochwasser hier sein, vielleicht noch früher als der Feind. Dann Gnad' Gott - Pforzheim!« Während er noch sprach, trat plötzlich die silberne Scheibe des Mondes voll und klar aus den tagenden Wolken und warf ihr Licht über das dunkle, unheimlich gurgelnde Wasser der Enz. Da - was war das? - Deutlich sahen die Wächter, wie sich aus den Wellen die Gestalt eines nackten Mannes hob, unheimlich vom fahlen Licht überglänzt, die langen Locken triefend vor Nässe, der Bart hochgereckt. In der Rechten schwang die Gestalt einen blinkenden Dreizack, während die Linke mit einem schnalzenden Fisch zur Mauer herüberwinkte. »Der nackte Mann«, stammelte Jörg und zeigte mit dem Spieß auf den hellen Fleck im Wasser. Dann sank er ohnmächtig zusammen. Lupold sprang die Wehrtreppe hinab, überquerte den Spitalplatz und rannte in langen Sätzen die Tränkgasse hinauf. Auf dem Marktplatz angekommen, sah er drüben am Fischbrunnen wieder den nackten Mann stehen und lachend Fisch um Fisch aus dem umgitterten Brunnenbecken ziehen. Atemlos meldete Lupold auf der Rathauswache das Geschaute. Der nackte Mann hat sich sehen lassen! Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Schreckensnachricht am frühen Morgen in der Stadt. Nicht lange, da ertönte die Sturmglocke. Das Hochwasser hatte Pforzheim erreicht. Was nützten da die vielen helfenden Hände, die zu bergen und zu retten suchten: Das Wasser stieg und stieg. Schon kroch es lehmig und trüb die Tränkgasse herauf, und drüben in der Flösserau standen die Häuser bereits bis zum ersten Stock in den Fluten. Da die Auerbrücke unpassierbar geworden war, mußte man in Kähnen die vom Wasser eingeschlossenen Menschen bergen. Als am anderen Morgen das Wasser zurückging, bot sich ein trauriges Bild. Die Gefahr war zwar beseitigt, aber das Grauen wich nicht von der Stadt. Bald sollte sich eine andere Flut über sie ergießen, vor der es keine Rettung gab: Das französische Heer, das dreimal Pforzheim einnahm und durch Feuer zerstörte. Der nackte Mann war zu Recht erschienen.
Nach Robert Künzig, Pforzheim
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