Einem Jäger war ein Jahr nach der Hochzeit seine junge Frau gestorben, und darüber war er sehr betrübt. Wenn er so einsam durch Stube, Kammer und Küche ging, meinte er immer, seine liebe Frau müßte ihm begegnen, und weil er auf diese Weise seine tote Frau nicht mehr aus seinen Gedanken verlor, hielt er es im Hause nicht mehr aus und streifte oft tagelang draußen im Walde umher. Er wußte wohl, daß er nicht allein bleiben konnte, sondern wieder heiraten mußte. Doch sorgte er sich ab und zweifelte daran, ob er noch einmal eine Frau finden werde, die er ebenso lieb haben könnte wie die erste. Als er eines Tages wieder in trüben Gedanken ging und immer tiefer in den dunklen Wald hineingeriet, kam er zu einer kleinen, mit Stroh gedeckten Hütte. Er trat ein und fand einen alten Mann, der am Tisch saß und in einem Buche las. Der Alte begrüßte ihn freundlich und fragte, was ihn hierher in seine Waldhütte führe. Da klagte ihm der Jäger sein Leid: daß er seine Frau verloren habe und nun so einsam lebe und nicht wisse, ob er doch einmal glücklich werden könne. „Aus dieser Not wird dir zu helfen sein", sagte der Greis. „Über eine kleine Weile werden drei Schwäne geflogen kommen und sich in der Nähe der Hütte niederlassen. Sie werden dann zum Weiher fliegen, und ehe sie ins Wasser gehen, ihre weißen Federkleider ausziehen und ans Ufer legen. Sobald sie auf dem See draußen schwimmen, mußt du dich heimlich heranmachen und unbemerkt eines der Schwanenkleider an dich nehmen und damit hierherkommen." Die Alte hatte kaum zu Ende gesprochen, da kamen drei schneeweiße Schwäne dahergerauscht, ruhten eine Weile aus und flogen dann weiter zum nahen Weiher. Als sie aber ihre Federkleider abgelegt hatten, waren sie in drei wunderschöne Jungfrauen verwandelt, stiegen ins Wasser und schwammen weit hinaus in den See. Da schlich der Jäger hin, nahm heimlich das Kleid eines Schwans und brachte es dem Alten in die Hütte. Unterdessen waren die drei Schwanenjungfrauen wieder ans Ufer gestiegen, doch nur zwei fanden ihre Federgewänder und konnten sich wieder in Schwäne zurückverwandeln. Die dritte hatte keine andere Wahl, als zur Hütte zu gehen und dem Jäger, der ihr Kleid an sich genommen hatte, in sein Haus zu folgen. Dort gefiel es ihr recht wohl, sie blieb bei ihm und wurde bald seine Frau. Ehe der Jäger damals von dem alten Mann in der Waldhütte Abschied genommen hatte, hatte der ihn ermahnt, das Schwanenkleid gut zu verstecken. „Das werde ich sogleich tun, wenn wir nach Hause kommen, und ich will's so gut verwahren, daß keines Menschen Auge es entdecken wird!" hatte der Jäger geantwortet. Nun lebte er schon viele Jahre lang froh und glücklich mit seiner Frau und den drei Kindern, die sie ihm schenkte. Eines Morgens jedoch, als er wie gewöhnlich in den Wald ging, hatte er unbedachterweise den Schlüssel in der Truhe stecken lassen, in der das Schwanenkleid verborgen lag. Dort fand es sein Weib, das schon öfters heimlich danach gesucht hatte. Sie gedachte der schönen Zeit, die sie mit den Schwestern verlebt hatte, zog das Gefieder an und flog als Schwan davon, weit fort über den großen Wald. Als der Jäger am Abend nach Hause kam, war seine Frau verschwunden. Er mochte suchen und rufen, so lange er wollte, sie war nirgends aufzufinden, und auch die Kinder konnten dem Vater nicht sagen, wohin die Mutter gegangen sei. Da ging der Jäger wieder in den tiefen Wald hinaus zu dem alten Mann und klagte ihm sein Unglück. „Du hast das Schwanenkleid nicht gut verwahrt", sagte der Greis. „Sie hat es gefunden und ist damit fortgeflogen." „Ist es nicht möglich, sie wiederzubekommen?" fragte traurig der Jäger. „Möglich ist es schon", sprach der Alte, „nun ist es aber gefährlich für dich, sie zu erlangen. Es kann dich leicht das Leben kosten." „Was gilt mir mein Leben ohne meine liebe Frau", sprach der Jäger. „Wenn du so redest, will ich dir meine Hilfe nicht versagen", antwortete der Alte. „Zuerst mußt du versuchen, in das Schloß zu gelangen, in dem deine Frau jetzt wohnt. Das wird am besten so gehen: Sie hat im Stall ein paar Esel, die jeden Tag in der Talmühle Mehl holen. Gehe also zu dem Müller und bitte ihn, dich in einen Mehlsack zu stecken und einem der Esel aufzuladen. Bist du einmal in dem Schloß. so ist das Gröbste getan. Das Weitere wirst du dann schon von deiner Frau erfahren." Der Jäger dankte dem alten Mann von Herzen und begab sich in die Mühle. Für ein gutes Trinkgeld steckte ihn der Müller gern in einen Mehlsack, und so gelangte er auf dem Rücken eines Esels wohlbehalten in den Burghof. Dort stellte der Knecht den Sack in eine Ecke nahe beim Eingang zum Schloßgebäude. Als es bei anbrechender Dämmerung im Hof ruhiger wurde, kroch er vorsichtig aus dem Sack und - seiner Frau geradewegs vor die Füße. Sie hatte den großen Sack von ihrem Fenster aus gesehen und wollte eben nachsehen, was da Besonderes drin sei. Sie freute sich sehr, als sie so unerwartet ihren Mann wiedersah. Auch der Jäger war überglücklich, schloß sie in die Arme und küßte sie. „Liebe Frau", bat er, „komm wieder zurück zu mir und deinen Kindern!" „Wie gern wollte ich das", antwortete sie. „Doch es wird nicht leicht sein. Ehe wir glücklich miteinander leben können, mußt du die drei Drachen im Schloß besiegen, die mich bewachen. Drei Tage hintereinander werden sie dir in verschiedenen Gestalten entgegentreten und dich bedrohen. Sprichst du nur ein einziges Wort, werden sie dich umbringen. Wenn du aber aushältst, ohne einen Laut von dir zu geben, so können sie dir nichts anhaben, und ich werde erlöst und dein eigen sein." „Sei ohne Sorge, liebe Frau!" sagte der Jäger voller Zuversicht. „Die Liebe zu dir wird mich so stark machen, daß mir selbst die schrecklichsten Drachen nichts anhaben können!" Am ersten Tag krochen drei große Schlangen auf den Jäger zu und wanden sich ihm um Beine und Leib. Sie sperrten ihre Rachen auf, zischten und starrten ihn mit böse funkelnden Augen an. Weil er sich aber nicht fürchtete und alles ertrug, ohne einen Laut von sich zu geben, hatten sie keine Macht über ihn, ließen von ihm ab und verschwanden. Am anderen Tag hüpften drei riesige Kröten gegen ihn an und bespien ihn mit feurigen Kugeln. Obwohl die Pein fast nicht auszuhalten war, nahm er seine ganze Kraft zusammen und verbiß sich schweigend alle Schmerzen. Da gaben auch die Kröten den Kampf auf und machten sich davon. Am dritten Tag stürzten sich drei geflügelte Drachen auf den Jäger und hielten ihn wie mit eisernen Zangen in ihren Krallen fest. Die Marter ließ ihn schier ohnmächtig werden, und er war nahe daran, laut aufzuschreien. Aus Liebe zu seiner Frau ertrug er aber alle Pein, und als er die dritte schwere Probe hinter sich hatte, standen plötzlich an Stelle der Drachen drei schöne Frauen vor ihm. Das waren die drei Schwanenjungfrauen, die er nun alle zugleich erlöst hatte. Glücklich gingen sie miteinander nach Hause, und die Frau weinte vor Freude, als sie ihre lieben Kinder wiedersah. Dann zogen sie auf das Schloß, behielten auch die beiden Schwestern bei sich und lebten in Frieden und Freude bis an ihr Ende.
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