Dicht an einem großen Walde lebte ein alter Mann, der hatte drei Söhne und zwei Töchter; die saßen einstmals beisammen und dachten eben an nichts, als plötzlich ein prächtiger Wagen angefahren kam und vor ihrem Hause still hielt. Dann stieg ein vornehmer Herr aus dem Wagen, trat in das Haus und unterhielt sich mit dem Vater und seinen Töchtern, und weil ihm die eine, welche die jüngste war, überaus wohl gefiel, so bat er den Vater, daß er sie ihm zur Gemahlin geben möchte. Dem Vater schien das eine sehr gute Heirat, und er hatte schon lange gewünscht, daß seine Töchter noch bei seinen Lebzeiten versorgt sein möchten. Allein die Tochter konnte sich nicht entschließen, ja zu sagen. Der fremde Ritter nämlich hatte einen ganz blauen Bart, und vor dem hatte sie ein Grauen und es ward ihr unheimlich zumut, so oft sie ihn ansah. Sie ging zu ihren Brüdern, die tapfere Ritter waren, und fragte diese um Rat. Die Brüder aber meinten, sie solle den Blaubart nur nehmen, und schenkten ihr ein Pfeiflein und sagten: „Wenn Dir irgend ein Leid zugefügt werden sollte, so blas nur in diese Pfeife hinein! dann wollen wir Dir schon zu Hilfe kommen." So ließ sie sich denn bereden und ward die Frau des fremden Mannes, bewirkte es aber, daß ihre Schwester sie begleiten durfte, als der König Blaubart sie zu seinem Schlosse führte. Als die junge Gemahlin dort ankam, herrschte großer Jubel im ganzen Schlosse, und auch der König Blaubart war ganz vergnügt. Das ging etwa vier Wochen lang so fort; da wollte er verreisen und übergab seiner Gemahlin alle Schlüssel des Schlosses undsagte: „Du darfst überall im ganzen Schlosse umher gehen und aufschließen und besehen, was Du willst; nur die eine Tür, zu welcher dieser kleine goldene Schlüssel gehört, die darfst Du, so Dein Leben Dir lieb ist, nicht aufschließen!" 0 nein, sie wollte diese Tür auch gewiß nicht öffnen, sagte sie. Als aber der König eine Weile fort war, hatte sie keine Ruhe mehr und dachte beständig daran, was wohl in der Kammer sein möchte, die er ihr verboten hatte, und war schon im Begriff, sie aufzuschließen; da kam aber ihre Schwester dazu und hielt sich noch davon zurück. Allein am Morgen des vierten Tages konnte sie es nicht mehr übers Herz bringen und schlich sich heimlich mit dem Schlüssel hin und steckte ihn in das Schloß und öffnete die Türe. Aber wie entsetzte sie sich da, als das ganze Zimmer voller Leichen lag, und das waren lauter Frauen. Sie wollte zwar die Tür sogleich wieder zuschlagen; allein der Schlüssel fiel heraus und ins Blut. Nun hob sie ihn schnell auf, aber er hatte Blutflecken, und wie viel sie ihn auch reiben und putzen mochte, die Flecken waren nicht mehr wegzubringen. Da ging sie zu ihrer Schwester und klagte und jammerte. Als endlich König Blaubart von der Reise zurückkehrte, erkundigte er sich sogleich nach dem goldenen Schlüssel; wie er aber die Blutflecken daran sah, sagte er: „Weib, warum hast Du auf meine Warnung nicht gehört? Deine Stunde hat jetzt geschlagen; bereite Dich vor zum Sterben! denn Du bist in dem verbotenen Zimmer gewesen." Da ging sie weinend zu ihrer Schwester, die oben im Schloß wohnte, und während sie derselben ihr Unglück klagte, gedachte die Schwester der Pfeife, die sie von den Brüdern bekommen hatte, und sprach: „Gib mir doch die Pfeife! Ich will unsern Brüdern ein Zeichen geben; vielleicht, daß sie Dir noch helfen können." Und sie blies dreimal in die Pfeife hinein, daß es einen hellen Klang gab, davon die Wälder sich regten und bewegten. Nach einer Stunde aber hörten sie den Blaubart, wie er rasselnd die Stiege herauf kam, um seine Gemahlin zu holen und zu schlachten. „Ach Gott, ach Gott! rief sie aus, kommen denn meine Brüder nicht?" und eilte zur Tür und verschloß sie und hielt sie aus Angst selbst noch zu. Da pochte der Blaubart und schrie, sie sollten ihm aufmachen, und als sie das nicht taten, versuchte er's, die Tür zu erbrechen. „Ach Schwester, Schwester, kommen denn meine Brüder nicht?" rief sie zur Schwester; die stand am Fenster und guckte in die Weite hinaus und sagte: „Ich sehe noch niemand!" Unterdessen zertrümmerte Blaubart die Türe immer weiter, und wie er beinah so weit war, daß er durch die Öffnung hätte eindringen können, da sprengten plötzlich drei Ritter vor das Schloß, und die Schwester rief aus dem Fenster, was sie nur konnte: „Hilfe! Hilfe!" und winkte ihren Brüdern zu. Die stürmten auch alsbald die Treppe hinauf, wo sie den Hilferuf der Schwester gehört hatten, und als sie hier den König Blaubart mit dem Schwerte in der Hand vor der erbrochenen Türe antrafen und drinnen das Geschrei der Schwester vernahmen, da merkten sie sogleich, was er im Sinn führte, und stießen ihm schnell den Degen durch die Brust, daß er tot war. Als die Brüder darauf erfuhren, was der gottlose König ihrer Schwester hatte antun wollen, und daß er schon so viele Frauen umgebracht, da zerstörten sie sein Schloß, so daß kein Stein auf dem ändern blieb, und nahmen alle Schätze mit fort und führten vergnügt ihre Schwestern wieder in das Haus ihres Vaters.
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