Kelten im Schwarzwald

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Daß es im Gebiet um die heutige Kleinstadt Neuenbürg etwas zu entdecken gibt, wußten natürlich auch schon die Kelten. Im fünften und vierten Jahrhundert vor der Zeitenwende spürten sie Brauneisen führende Erzgänge auf und gewannen daraus Eisen. In der Nähe von Neuenbürg entstand ein regelrechtes Gewerbegebiet mit etlichen Schmelzöfen, das heute als das größte „keltische Industriezentrum Mitteleuropas“ gilt.

Nicht nur regional sorgte der archäologische Fund im Nordschwarzwald bei Neuenbürg für Aufsehen. Die Schweizer Zeitung „Züricher Tagblatt“ titelte Ende Oktober 2004:
„Neuenbürg - Archäologen haben in Neuenbürg-Waldrennach in Baden-Württemberg zwölf keltische Schmelzöfen aus dem 5. Jahrhundert vor Christus ausgegraben.
Sie gehören zu den ältesten und besterhaltenen Öfen im deutschsprachigen Raum, sagte der Archäologe Günther Wieland vom Landesdenkmalamt. Unsere Erwartungen wurden mehr als übertroffen. Die Funde geben uns Aufschluss über die Verhüttungstechnik der Kelten.
Die Experten rechnen mit weiteren Fundstücken in Waldrennach, wo bereits seit mehreren Jahren gegraben wird. Da müssen auch Siedlungen zu finden sein, sagte Wieland. Das Ganze war ein kleines keltisches Industriegebiet im Nordschwarzwald.
Vor knapp zehn Jahren hatte der Archäologe Guntram Gassmann seine Fachkollegen erstmals auf das Gebiet aufmerksam gemacht. Seitdem werden dort immer neue Funde entdeckt.
Ein Zufall brachte die Eisenschmelzöfen an den Tag: Im vergangenen Winter hatte ein Sturm einige Bäume umgeknickt und das Erdreich aufgewühlt. Um die freigelegten Öfen vor dem kommenden Winter zu schützen, werden sie zunächst wieder etwas zugeschüttet.
Im nächsten Jahr soll der kleinste Ofen zur Restaurierung ins Landesdenkmalamt gebracht werden. Bisher fehlen uns dazu allerdings noch die finanziellen Mittel, sagte Wieland. Die Ergebnisse der Grabungen sollen in einer Ausstellung präsentiert werden.“

Weiterhin meint Wieland: „Wir haben es hier mit dem wichtigsten Eisenerzzentrum in ganz Süddeutschland und darüber hinaus zu tun“. Er ist mit seinem Kollegen Dr. Gassmann der Auffassung, daß die Kelten zu ihrer Zeit das – bisher bekannte – größte Industriegebiet unterhalten hatten. Demzufolge handele es sich um die größte keltische „Hightechregion“. Denn gerade die Systematik und die damit verbundene methodische Anordnung der Verhüttungsanlagen spreche für eine zentrale Organisation. Ein Beispiel: Im oberen Bereich des umfangreichen und mehr als 50 Rennfeueröfen umfassenden Grabungsfeldes sind im Abstand von jeweils vier Metern völlig erhaltene, zum Teil aber auch nur Reste solcher Öfen zu finden, wogegen sich am unteren Bereich des Hanges massenweise Schlacken befinden, darunter auch solche mit einem Gewicht von bis zu 20 Kilogramm. Die Öfen selbst wurden in den Hang hinein gebaut, um sog. Hangwinde zur Entfachung des Feuers nutzen und dann bei über 1200 Grad das Erz verhütten zu können. Und weil sie in den Hang hinein gebaut wurden, überlebten einige dieser Öfen unbeschadet die Jahrtausende – bis in die heutige Zeit. Gerade was die gefundenen Rennfeueröfen anlangt, ist den Archäologen klar geworden, daß es sich um die ältesten ihrer Art im mitteleuropäischen Raum handelt. Sieben davon wurden bislang untersucht; ein Zwillingsofen ausgegraben. In diesen Öfen wurden mit Holzkohle die rings umher gefundenen – viel später als „Neuenbürger Glasköpfe“ weithin bekannt gewordenen – Eisenerze verhüttet. An verschiedenen Stellen in direkter Nähe, aber auch einige hundert Meter entfernt sind noch heute zahlreiche sogenannte „Pingen“ zu sehen, also Grabungsstellen, in denen die Kelten die Eisenerze der Erde entnommen haben. Dr. Wieland: „Nun wissen wir, dass der vorzeitliche Mensch zielgerichtet in den Schwarzwald gekommen ist; nicht um Ackerbau zu betreiben, sondern um Eisenerz zu gewinnen und zu verhütten, um daraus Arbeitsgeräte, Werkzeuge, aber auch Waffen herstellen zu können“.
Bereits in den dreißiger Jahren war der Hobbyarchäologe Dr. Feiler aufgrund keltischer Keramikfunde zu großflächigen Nachforschungen am Neuenbürger Schloßberg animiert worden. Während mehrerer Jahre gelang ihm die Bergung umfangreichen Fundmaterials. Die Größe der Siedlung rund um den Schloßberg und das überaus üppige Inventar warfen die Frage nach dem wirtschaftlichen Hintergrund auf, besonders weil sich im tief eingeschnittenen Enztal und auf den Buntsandsteinhöhen allein mit Landwirtschaft oder Viehhaltung keine großen Erträge erzielen lassen. Um Neuenbürg sind bis jetzt 71 Brauneisenerzgänge bekannt, die ab 1720 bis ins 19. Jahrhundert abgebaut wurden. Im Rahmen des Eisenprojektes wurde das weitere Umfeld des Schloßberges systematisch nach Verhüttungsschlacken abgesucht, um auf Anlagen zu stoßen, die verbindliche Aussagen zum tatsächlichen Alter des dortigen Bergbaus zulassen.
Daß das Eisenerz im Neuenbürger Revier von hoher Qualität ist, haben nicht nur die Bergleute späterer Epochen (bis 1868 ist bei Neuenbürg Bergbau betrieben worden), sondern auch schon die Kelten gewußt, denn das Neuenbürger Erz zeichnet sich dadurch aus, daß es sulfitfrei ist und einen hohen Mangangehalt aufweist, welcher stets notwendig war, um einen gut schmiedbaren, wertvollen Stahl herstellen zu können.
Im Frühjahr 2005, sobald der Schnee geschmolzen sein wird, werden Dr. Wieland und Dr. Gassman weiterforschen. Priorität wird die Suche nach Siedlungsspuren haben, deren Nachweis leider sehr schwierig ist, da die „Ur-Nordschwarzwälder“ ihre Siedlungen vollständig aus Holz gebaut haben. Verfärbungen im Boden und Keramikscherben müssten sich allerdings finden lassen. Man darf gespannt sein!


Weiterführend:

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http://www.frischglueck.de/keltof.shtml
- Guntram Gassmann, Der südbadische Eisenerzbergbau: Geologischer und montanhistorischer Überblick (1991)
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http://www.schloss-neuenbuerg.de
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http://www.neuenbuerg.de/


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