Roland Kroell ist wahrhaft ein vielseitiger Künstler. Als Sänger, Musiker und Buchautor widmet er sich seit 25 Jahren seiner Heimat – dem Schwarzwald. Insbesondere widmet er sich der archaischen Kultur des Schwarzwaldes. Nachdem wir im Mai´05 Herr Roland Kroell eingeladen hatten, einen musikalischen Vortragsabend zu geben, beschlossen wir, mit ihm ein Gespräch zu führen, da uns seine Arbeit durchweg unterstützenswert erscheint. Einen Bericht über den Vortrag „Magischer Schwarzwald“ finden Sie in der Rubrik „vergangene Veranstaltungen".
KWNSW: Sie beschäftigen sich seit geraumer Zeit mit dem Schwarzwald und dessen archaischer Kultur. Was war der Anlass für diese Tätigkeit?
Mein Interesse für diese einmalige Landschaft begann in meiner Jugend vor über dreissig Jahren. Vertieft hat sich dieses Interesse durch meine Reisen nach Schottland und Irland im Jahre 1970 und 1972. 1974 war ich dann vier Monate in Irland. Der Freiheitskampf der Iren hat mir immer besonders imponiert. Abends saßen wir zusammen und jeder sang ein Lied. Ich schämte mich über unsere deutsche Volksmusik und kannte ein altes Studentenlied aus dem Bauernkrieg, das hieß „Florian Geyer“. Damals war ich 20 Jahre alt und interessierte mich auch schon für Heimatgeschichte, wie Bauernkriege im Schwarzwald. Da ich keine weiteren Lieder mehr kannte, begann ich in Irland neue Lieder zum deutschen Bauernkrieg zu texten und neu zu singen. Ich begegnete auch einigen bekannten irischen Folksängern, wie Christi Moore oder den Furey Brothers. Sie forderten mich regelrecht auf, in der eigenen Heimat nach altem verschüttetem Liedgut zu suchen und nicht nur Irish Folk nachzusingen. Das hat mir sehr viel Eindruck gemacht und so begann ich wieder zurück im Schwarzwald nach diesen Wurzeln zu forschen. So kam ich zu den Salpetererliedern des Hotzenwaldes, die ich neu vertonte und entdeckte im Laufe der Zeit tiefere Zusammenhänge, lernte dadurch meine Heimat, den Schwarzwald immer mehr zu lieben und zu schätzen. 1975 wurden dann meine Vertonungen das erste Mal im Radio gespielt. Meine Art und Weise wurde für so gut befunden, das ich fast 25 Jahre lang, als Hörspielkomponist zu vielen Heimathörspielen engagiert wurde. Eine Sendung von meinem langjährigen Freund Thomas Lehner hiess 1979 „Die Kelten kommen zurück“. Das war eine Art Startschuss unsere Landschaft im keltischen Bewusstsein neu zu definieren. Als wir damals von Kelten im Schwarzwald redeten, wurden wir eher als Exoten oder Spinner abgetan. Aber im Laufe der Zeit bekam diese Betrachtung immer mehr Gewicht und so begann ich mich immer noch tiefer auf diese Materie einzulassen. Da waren diese tollen Berge, wie der Belchen, der Blauen, der Kandel, die Hornisgrinde usw. Ich begann überall hinzuwandern und liess mich von der Stimmung dieser kraftvollen Orte regelrecht verzaubern. Das alles literarisch umzusetzen begann ich erst ab Mitte der 90ziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. In der Zwischenzeit habe ich im Gebiet Schwarzwald und Vogesen über 300 Kraftorte besucht und vier Bücher geschrieben. Ein fünftes ist in Arbeit.
KWNSW: Sie bieten „Wanderungen zu Orten der Kraft“ an. Was darf man sich unter solchen Wanderungen vorstellen?
Mein Lieblingsberg ist der Belchen im Schwarzwald. Wanderungen auf diesen Zauberberg habe ich schon mit vielen Gruppen unternommen. Ich versuche meinen Teilnehmern, ein etwas anderes Herangehen, an das Thema Wandern, nahe zu bringen. Dabei geht es mir darum, den Menschen eine andere Wahrnehmung nahe zu bringen. Um diese Wirkung zu verstärken, benutze ich auch meine Flöte und meinen Gesang. Dann gehen wir in einer Art meditativen Gang auf den Berg. Unterwegs erzähle ich von meinem Wissen über die Kelten. Dann versucht jeder selbst wahrzunehmen, was es bei ihm auslöst. Aber wir haben auch viel Spaß und Freude. Das schönste was wir einem solchen Ort geben können ist unsere Liebe. Ich unternehme auch Wanderungen zu Orten der Kraft am Odilienberg im Elsass, Im Albtal, am Thaennchel oder auf dem Blauen.
KWNSW: Welcher Platz kommt Ihnen als erster ins Gedächtnis, wenn Sie den Ausspruch „Orte der Kraft im Schwarzwald“ vernehmen?
eindeutig der Belchen. Er ist der Königsberg, dieser alte Riese oder Elefantenbuckel.
KWNSW: Warum dieser?
Für mich ist der Belchen ein Minikailash. Der Kailash gilt in Tibet als heiliger Berg. Die Pilger umrunden diesen heiligen Berg in einer mehrtägigen Wanderung. Beim Belchen braucht man ca. 8 Stunden, um ihn zu umrunden. Er hat 13 heilige Quellen. Diese Umrundung mache ich mehrmals jährlich und dabei würdige ich die Quellen ganz besonders. Es gibt kaum ein Berg auf der Welt, der so exponiert dasteht, wie der Belchen. Bei guter Sicht hat man einen Blick im Süden vom Mont Blanc bis zur deutschen Zugspitze, im Westen die Bergkette der Vogesen, im Norden sieht man den Kandel und dahinter die Hornisgrinde im Nordschwarzwald und im Osten der Feldberg, Blössling und das Herzogenhorn. Bei dieser Sichtweise kann man deutlich die Erdkrümmung sehen, denn man hat einen Blick von über 300 Kilometer.
KWNSW: Ihre Arbeit dient auf der einen Seite Ihrem Lebensunterhalt. Auf der anderen Seite sehen Sie sich, um es mal kurzerhand auszudrücken, als Sendbote einer gewissen Lebenshaltung. Beschreiben Sie uns bitte diese Lebenshaltung!
Ja, es geht mir um aufmerksamer und wachsamer zu werden. Unsere Erde braucht ein liebevolles miteinander. Das Prinzip der Ausbeutung, nach dem Motto „Machet Euch die Erde untertan“, ist einfach nicht mehr tragbar. Wir müssen etwas geben, um etwas zu bekommen. Die Erde ist von diesem Denken mehr als angekratzt. Das spiegelt sich auch in der Seele jedes einzelnen. Orte zu heilen, aber auch uns selbst zu heilen ist dringend notwendig. Da sehe ich eine meiner Aufgaben. Mein Werkzeug ist der Gesang und die Musik, das Schreiben von Büchern und durch Natur-Wahrnehmungsseminare und Wanderungen mit Gruppen.
KWNSW: Wenn man bisweilen in den Genuss gekommen ist, an einem Ihrer Vorträge teilzunehmen, stellt man Ihre untrügliche Naturverbundenheit fest. In den Vorträgen erwähnen Sie desöfteren, daß die relative Unbekanntheit jener Orte gut sei, da sie dadurch nicht einem sog. Massentourismus anheim fallen würden. Steht das nicht im Widerspruch zu Ihrer Arbeit, die den jeweiligen Orten einen Zuwachs an Bekanntheit bringt? Wie sollte man sich Ihrer Meinung nach heiligen Orten nähern?
Ich versuche durch meine Arbeit nicht jeden noch unbekannten Kraftort bekannt zu machen. Sondern es ist mir ein Anliegen, an bereits vorhandenen grossen Plätzen, einmal aufzuzeigen, wie man an einen solchen Kraftort herangehen kann. Mein Werk soll anregen und keine genaue Anleitung sein. Ich möchte damit die Kreativität jedes einzelnen wecken, sich auf den Weg zu machen und zwar nicht um auszubeuten, sondern vielmehr möchte ich hier einen inneren Weg beschreiben, der zu uns selbst, zu unserem eigentlichen Wesenskern führt. Denn nur da können wir etwas heilen und loslassen.
KWNSW: Die Kelten werden von Ihnen desöfteren thematisiert – sei es beim Unterbreiten archaischer Kultur im Schwarzwald in Ihren Vorträgen oder sei es Ihre Musik, die sie u.a. gerne als „keltische Klangwelten“ angeben. Wie ist Ihre Verbundenheit zu den Kelten entstanden?
Wie ich eingangs bereits erwähnte, kam diese Faszination für keltische Kultur zunächst durch meine Reisen nach Irland und Schottland. Später konnte ich dann diesen Impuls direkt auf unsere Landschaft im Schwarzwald und den Vogesen übertragen. Es fasziniert mich immer mehr in dieses Wissen einzutauchen. Es hat mein Leben verändert. Zur Zeit arbeite ich seit fünf Jahren an der alten keltischen Geschichte über Tristan und Isolde. Hierbei versuche ich diesen Epos, der von Gottfried von Strassburg im 13. Jh. getextet wurde, neu zu vertonen und zu interpretieren. Ich lies mich stets von anderen Kulturen anregen. Aber das entdecken der eigenen Wurzeln ist so unendlich kraftvoll und erfüllend. Es gibt kein schöneres Gefühl, als zu spüren, wie dieser Energiestrom unserer eigenen Kultur in uns wirkt. Aber das geht nicht unbedingt von heute auf morgen. Es braucht Geduld und ein starkes Vertrauen. Deshalb freue ich mich ganz besonders, wenn heute auch junge Menschen sich aufmachen und nach dieser europäischen Urkraft suchen. Das Kulturwerk Nordschwarzwald möchte ich deshalb unterstützen. Toll, wie ihr das macht. Danke!
KWNSW:Wenn man sich mit der Vorgeschichte Europas beschäftigt, findet man sicherlich noch andere Epochen, nebst der keltischen, die es zu erwähnen gilt. Welche waren von diesen Ihrer Meinung nach auch innerhalb des heutigen Raumes „Schwarzwald“ am Wirken?
Dabei denke ich zunächst an die Megalithkultur, die der Keltischen Kultur vorausging. Jene Menschen haben durch ihre Steinsetzungen, Dolmen und Menhire, zum ersten Mal Orte und Plätze markiert und verehrt. Wir finden vor allem Menhire und Dolmen im Südschwarzwald. Dann die Römische Kultur, siehe warme Quellen, woraus viele der heutigen Bäderorte entstanden sind, wie Badenweiler, Baden-Baden, Bad Wildbad, u.a. oder die Germanische Kultur, die durch die Landnahme der Alemannen bis in die heutige Zeit hinein wirkt.
KWNSW: Es gibt die verschiedensten Auslegungen über die Herkunft des Namens „Schwarzwald“ für das heutige Gebiet im Südwesten Deutschlands. Wie erklären Sie sich den Begriff „Schwarzwald“?
Früher, zur keltischen Zeit (600-50 v.Chr.) soll der Schwarzwald einmal Adnoba Mons geheissen haben. Eben nach der keltischen Pferdegöttin „Adnoba“. Es wird vermutet, dass durch das Klimaoptimum der Eiszeit die Temperaturen im Schwarzwald durchschnittlich 4 Grad Celsius wärmer waren. Dadurch wuchsen auf dem Wald sogar Korkeichen und es gab grosse Weideflächen, wo die Kelten ihre Pferde züchten konnten.
KWNSW: Möchten Sie den Lesern dieses Gespräches etwas mit auf den Weg geben?
Ja, ich wünsche mir, dass sich viele Menschen innerlich aufmachen und wieder mehr unsere so schöne einmalige Landschaft würdigen lernen. Auf dem Thaennchel im Elsass sah ich kürzlich einen neuen Brauch, den ich sehr schön fand. Bemalen Sie einen kleinen bis mittleren Stein und nehmen sie ihn mit auf den Berg und legen ihn irgendwo ab, wo er wirklich hinpasst. Bringen Sie Freude und Liebe in die Natur. Das Gute liegt oft so nahe, wir müssen es nur versuchen wahrzunehmen. Eigentlich ist alles in Hülle und Fülle vorhanden. Der Schöpfer hat an alles gedacht. Ich möchte mit einem Gedicht meines lieben verstorbenen Freundes Manfred Marquardt enden:
Lueg, s`Chluusemoos mit sine Fohre, wie`s i dä Dämmrig lieht wenn inegrohtsch bis weltvelore vefallsch dr Möserziit
e schwere Stilli um di ummä dä Urlut in d rinn un ihme Nebelgeischt veschwumme ne letschte gheime Sinn
S`Herz ad Bultebückel drucke chielbache Möserbluet di vo dä Diifi lo veschlucke dört niidä traumt si`s guet
Muesch idä Wurzle obsistiige as Fohrelüchter stoh mit dene Gstalte durreschwiige un so id Heimaet cho.
Übersetzung:
Schau, das Chluusemoor (Im Schwarzwald: einst kleiner Stausee für die Flösser) mit seinen Moorkiefern, wie es in der Dämmerung vor dir liegt. Wenn du so einen Moorplatz findest, dann verfällst Du der Möserzeit.
Eine schwere Stille umgibt diesen Ort du vernimmst einen Urklang im inneren deines Wesens. In einem Nebeschwaden, der wie ein Geist aussieht, dahinter steckt vielleicht ein geheimer Sinn.
Du solltest dein Herz an einen dieser wunderschönen Feenhügel (kleine Moorberge) drücken, benetze dich mit dem kühlen Wasser des Moorbaches Lass dich von der Tiefe des Moores verschlucken. Dort unten da hast du die besten Träume.
Dann wirst du durch die Wurzeln wieder hinaufsteigen in die Wipfel der Moorkiefern und wie ein Leuchtturm dastehen. Mit diesen Baumgestalten das Schweigen üben und so in deine wirkliche, innere Heimat kommen.
KWNSW: Sehr geehrter Herr Kroell, wir bedanken uns für das Gespräch.
Laufenburg, den 1. Juli 2005
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