Langobardischer ‚LEBENSKREIS’
Nachschaffung einer langobardischen Relief-Platte, wahrscheinlich 9. Jahrhundert. Das Origi- nal befindet sich in der Krypta der Dorfkirche von SCHÄNIS, Kanton St. Gallen, Schweiz.
Es gibt in der Kunsthistorik keinen verbindlichen Begriff für dieses Bildmotiv. Benutzt wer- den Umschreibungen, deren sinnreichste m.E. die Bezeichnung „Kreis-Viereck-Siegel“ von Rudolf Kutzli ist. Tatsache ist, dass die Verschmelzung Kreis-Viereck häufig und in vielfäl- tigen gestalterischen Variationen in der langobardischen Kunst erscheint. Aufgrund der spi- rituellen Tiefgründigkeit langobardischer Bildwerke muß man hier weniger eine rein orna- mentale Kombination, als eine inhaltliche, gewissermaßen ‚existenzielle` Kernaussage an- nehmen.
Die Zahl Vier, das Viereck, sind seit alters her Symbolismen für das ‚ Irdische `, für die Ma- terie an sich. Ebenso wie der Kreis für den Kosmos, das allumfassend – Ganze steht. Gemäß dieser Symbolik besagt eine erste Entschlüsselung des Bildmotivs : Ein Kreis um- fängt das Viereck, durchdringt es mit zwei Achsen in Form des „kosmischen Richtkreuzes“, bildet einen inneren Kreis um einen lebendigen, blütenhaften Kern. Eine allumfassende kosmische Kraft umspannt und durchdringt also irdisch- Materielles, formt einen lebenden Kern und stellt ihn im kosmischen Richtkreuz in das konkrete Sein von Raum und Zeit.
Betrachtet man die Gestaltungsform des Kreises und der Achsen, wird der Wirkcharakter dieser kosmischen Kräfte erspürbar: Es ist ein Weben und Flechten, ein kunstvolles Schwin- gen von zwei Bändern bzw. zwei Energie-Linien. Hier scheint eindeutig das Wissen um den polaren Charakter der Welt auf. Innerhalb der Spannung zwischen diesen Polen ( Plus/Minus, Männlich/Weiblich, Yin/Yang etc.) entsteht das Leben. Verdichtet man die Schwingungs- Kurven der beiden Energiebänder, entstehen feste Knoten. Verdichtet man – im übertragenen Sinne – die polaren Energien in den Raum-Zeit-Achsen, so entsteht Materie – dargestellt durch das glatte Viereck. Diese wiederum ist im Kern beseelt durch die lebendigen Qualitäten der Schwingungsmuster.
Unwillkürlich taucht beim Betrachter der Flechtbänder das moderne, naturwissenschaftliche Bild des“Genoms“, der „Doppel-Helix“ alles Lebendigen auf. Man ist berührt, in diesem Motiv das Weben eines göttlichen Planes, eines „Codes“ zu erfüh- len, der durch die Urkräfte des Universums Leben schafft. In gewisser Weise stellt dieses Relief die quasi ´irdische`Fortsetzung des zentralen Sonnenmotivs der Langobarden dar.
( Werner Neumann )
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